Das „Bruttosozialglück“ - Lektion aus dem Himalaya

Schornsteinfeger, Hufeisen, vierblättrige Kleeblätter. Es gibt viele Synonyme für das Glück. Aber abseits von der allgemeinen Symbolik, ist Glück eine ziemlich individuelle Angelegenheit. Ist nicht jeder irgendwie seines eigenen Glückes Schmied?

Bis zu einem gewissen Grad bin ich schon der Ansicht, dass man sein Leben bewusst so gestalten kann, dass es einem gut geht, aber nicht alles lässt sich beeinflussen. Schicksalsschläge, die Gesundheit oder andere äußere Umstände an denen wir als einzelne Person nichts ändern können. Nicht immer steht das Glück der Menschen im Vordergrund. Aber wieso eigentlich nicht?

Bruttonationaleinkommen, Bruttoinlandsprodukt, Bruttosozialprodukt – alle diese volkswirtschaftlichen Begrifflichkeiten sind einem bekannt oder man hat zumindest schonmal davon gehört.

Aber hast du schonmal vom Bruttosozialglück gehört?

Das kleine Land Bhutan, etwa so groß wie die Schweiz, eingeschlossen von Indien und Tibet hat dieses Maß der volkswirtschaftlichen Rechnung 1972 in seiner Verfassung verankert. Die Idee reicht allerdings noch viel weiter zurück. Schon im 18. Jahrhundert wurde in einem Gesetzestext formuliert die Regierung hätte keinerlei Berechtigung, wenn sie nicht für das Glück seiner Bürger sorgen könne.

Schon immer war Bhutan durch seine Lage im Himalaya isoliert und von westlichen Finanzströmen, Einflüssen und Vorstellungen abgeschnitten. Der damalige König Jigme Singye Wangchuck versuchte zwar seit den 60er Jahren sein Land nach außen hin zu öffnen, aber nur ohne dabei die eigene Identität zu verlieren. So bemisst nach dem Ansatz des Bruttosozialglücks die Regierung Bhutans, den Fortschritt einer Gesellschaft unabhängig von Wirtschaftsaspekten und bezieht die Wünsche der Bürger in Entwicklungsprozesse ein.

Im Zentrum der Politik soll das Glück des Einzelnen stehen, das sich nicht materiell definieren lässt. So muss sich jede öffentliche Investition, jede politische Gesetzesänderung daran messen lassen, ob sie tatsächlich dem Allgemeinwohl dient – und nicht einem abstrusen Wachstumsmantra.

Geht es dir nicht auch so, dass die authentischsten, schönsten und erinnerungswürdigsten Erfahrungen jene sind, in denen du nicht auf dein iPhone geschaut hast, in denen nicht etwas Materielles wirklich zur Schönheit des Moments beitragen konnte? Ich finde es toll, dass eine Nation sich so bekennend auf die fundamentalen Dinge des Lebens besinnt, nach einer Art „Glücksformel“ sucht, anstatt stets nach mehr Wachstum zu streben. Aber wie kam es überhaupt zu diesem Ansatz?

Was für europäische Ohren vielleicht ein wenig nach verordnetem kollektiven Frohsinn klingt, war ursprünglich als buddhistische Anti-These zu der in der westlichen Welt vorherrschenden Jagd nach mehr Effizienz, höherer Produktivität und höherem Profit gedacht.

Es geht dabei auch gar nicht darum, eine Zahl zu bestimmen oder eine „Glücks-Quote“ zu erreichen. Das wäre zugegeben, ein sehr oberflächliches Ziel. Wichtiger sei es, herauszufinden, wie man die Lebensbedingungen von Menschen verbessern kann.

Der König befand, dass es zu einseitig sei, die Lebenszufriedenheit seiner Bevölkerung am westlichen Bruttoinlandsprodukt zu messen und das eine Umgebung geschaffen werden sollte in der die „Menschen ihre innere Ruhe“ finden könnten.

Die Messung von Glück ist natürlich rein subjektiv und kann mit objektiven Größen nicht bewertet werden. So beruht das Bruttosozialglück mehr auf einer nachhaltigeren Idee des Wirtschaftens, mit dem Ziel kulturelle, wirtschaftliche, politische und soziale Rahmenbedingungen zu schaffen, die es den Bewohnern Bhutans ermöglichen sollen, ihr individuelles Glück zu finden und zu leben.

Sind uns die Bhutaner weit voraus, oder liegen sie mit ihrer Wachstumsvermeidung weit zurück? Statistisch gesehen ist Bhutan ein Entwicklungsland. Die meisten Menschen sind arm und leben von der Landwirtschaft. Würde etwas mehr vom „westlichen Glück“ nicht der Entwicklung helfen?

Um das Glück zu erklären muss man aber die kulturelle Wurzel der Bhutaner, den Buddhismus, betrachten. Dort ist “Entwicklung” gleichbedeutend mit zunehmendem Wissen und persönlicher Erleuchtung. Dieser Weg ist unabdingbar, um die drei Grundübel Unwissenheit, Hass und Habgier zu überwinden. Der Begriff des Bruttosozialglücks soll vor diesem Hintergrund ausdrücken, dass “Entwicklung” mehr Dimensionen aufweist, als nur die eines gesteigerten Bruttosozialprodukts, dass es einer Balance zwischen Materialismus und Spiritualität bedarf. Im Buddhismus wird Glück als Zustand innerer Ausgeglichenheit definiert.

International gibt es viele Finanzexperten, die Zweifel daran hegen, ob ein auf das Glück seiner Bürger ausgerichteter Staat überhaupt überlebensfähig ist. Allerdings gibt es ebenso viele Experten, die genau das behaupten und den Ansatz Bhutans sogar für ein weltweites Vorbild halten.

Während die Regierung Bhutans den Menschen im Himalaya-Gebirge das Streben nach innerem Glück ermöglichen möchte, wird die Zufriedenheit der Deutschen häufig durch äußere Faktoren wie einem schicken Auto oder einem großen Haus bestimmt. Der Drang nach immer mehr, die Angst vor Verlust oder Verringerung des Vermögens verdrängt weitgehend jedes Sichzufriedengeben als eine der wichtigsten Voraussetzungen für Glück im wirklich menschlichen Sinne.

Ich finde es wichtig, dass man sich nicht nur mit Menschen vergleicht, die mehr haben als man selbst, sondern auch mit solchen, die weniger haben. Gerade in der Relation wird oft deutlich, dass die eigene Situation gar nicht so negativ ist, wie man sie darstellt oder empfindet.

Der erste Schritt zum persönlichen Glück ist häufig, darüber nachzudenken, was einen wirklich glücklich macht. Persönliches Wachstum und innere Ausgeglichenheit sind schonmal ein guter Anfang, wenn du mich fragst…